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2. Hauptteil 

2. Neuropsychologische Grundlagen- die drei fundamentalen Einheiten des Gehirns

 

Der russische Neurologe Alexander R. Lurija stellt in seinem Buch "Gehirn in Aktion" eindrucksvoll dar, "daß die Wahrnehmung nur durch das gemeinsame Handeln der drei funktionellen Einheiten des Gehirns zustande kommt." (ebenda, S. 96 ) Diese drei grundlegenden Funktionseinheiten bewußter Tätigkeit und psychischer Prozesse benennt er folgendermaßen:

 

1. Einheit zur Steuerung von Tonus und Wachheit

2. Einheit zur Aufnahme und Speicherung der von der Außenwelt eintreffenden Information

3. Einheit der Programmierung, Steuerung und Kontrolle psychi scher Tätigkeit

 

Er stellt dar, daß eine geordnete, zielgerichtete Tätigkeit die Aufrechterhaltung des optimalen kortikalen Tonus (Erregungszustand der Großhirnrinde) voraussetzt. Der aktive, wache Mensch reagiert dann auf Außenreize nach dem Gesetz der Stärke. Starke Außenreize verursachen starke Reaktionen, schwache Reize dementsprechend schwache Reaktionen. "Bezeichnend hierfür ist ein bestimmtes Ausmaß an Dichte der Nervenprozesse, ein gewisses Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung, sowie eine hohe Beweglichkeit der Nervenprozesse, so daß der Übergang von einer Tätigkeit zur anderen leicht erfolgen kann." (ebenda, S. 41)

 

Für die Praxis des Instrumentalspiels nach Noten bedeutet dies, daß die eintreffenden visuellen Reize spontan und ohne großen Energie aufwand in Handlung umgesetzt werden müssen, da sonst das Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung der neuralen Prozesse gestört wird, so daß die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des optimalen kortikalen Tonus nicht mehr gegeben ist. Der Tonus sinkt ab, bewußte Tätigkeit ist nicht mehr möglich.

 

Er schreibt weiterhin: "Jede Reaktion auf eine neue Situation erfordert zuerst den Vergleich des neuen Reizes mit früheren Reizen. Allein schon dieser Vergleich gibt Hinweise darauf, ob ein gegebener Reiz tatsächlich neu ist und deshalb einen Orientierungsreflex auslösen muß, oder ob er alt ist und keine besondere Mobilisierung des Organismus erforderlich macht." (ebenda, S. 52)

 

Das Erkennen bekannter Phänomene löst also eine Hemmung der neuronalen Prozesse aus, das "Neue" bringt eine Erregung mit sich. Der optimale kortikale Tonus bleibt nur auf rechterhalten, wenn Erregung und Hemmung gleich ermaßen stattfinden. Außenreize regen den Menschen also zu aktiver, bewußter Handlung an, wenn der Gesamteindruck Altes wie Neues in einen ausgewogenen Verhältnis beinhaltet

"Jede in Sprache gekleidete Absicht setzt ein bestimmtes Ziel und aktiviert ein Handlungsprogramm, das die Erreichung dieses Ziels lenkt. Wenn das Ziel erreicht ist, wird die Tätigkeit abgeschlossen, wird das Ziel nicht erreicht, dann führt dies zur Mobilisierung zusätzlicher Anstrengungen." (ebenda, S. 53)

 

Wichtig dabei ist, daß diese zusätzlichen Anstrengungen nur mobilisiert werden, wenn das Aktivierungsniveau (Tonus) beibehalten werden kann. Praktisch bedeutet dies, daß das "Neue" das "Alte" zwar kurzfristig überbieten darf, die Differenz muß aber immer in einem für den Gesamtorganismus verträglichen Rahmen bleiben.

Während die erste funktionale Einheit also den Tonus und die Wachheit steuert, synthetisiert die zweite funktionale Einheit des Gehirns die spezifischen Reize von Sehen, Hören und Tasten zu dynamisch - funktionalen Systemen. Lurija stellt fest, "daß die Hauptrolle dieser Zonen (der zweiten Einheit) in der räumlichen Organisation diskreter, aus verschiedenen Regionen einströmender Erregungsimpulse sowie der Umwandlung sukzessiver Reize zu Gruppen gleichzeitig verarbeiteter Reize besteht." (S. 70)

"Die Tätigkeit der tertiären Zonen der hinteren kortikalen Zonen (also der zweiten Einheit) ist damit nicht nur für die erfolgreiche Integration der Informationen, die den Menschen über das visuelle System erreichen, äußerst bedeutsam, sondern auch für den Übergang von den unmittelbaren visuell abbildenden Synthesen zu den symbolischen Prozessen, d.h. zu den Operationen mit Wortbedeutungen, mit grammatikalischen und logischen Beziehungen, mit Zahlensystemen, mit abstrakten Relationen." (ebenda, S. 71)

Wie man erkennen kann, kommt der zweiten funktionalen Einheit des Gehirns für das Musikmachen, also auch für den instrumentalen Anfangsunterricht, eine besondere Bedeutung zu. Sie synthetisiert sukzessive Reize zu Gruppen. Sie ist für das Erkennen musikalischer Bedeutungen zuständig, faßt Einzeltöne zu Sinneinheiten (Motive) zusammen, stellt diese in einen größeren, grammatikalischen Rahmen (Thema) und bildet die Satzbedeutung (Form des Musikstückes). Außerdem läßt sie uns die abstrakten Beziehungen unseres Tonsystems verstehen, die sich in Zahlenproportionen, Entfernungen, Frequenzen usw. ausdrücken. Diese Fähigkeit, sukzessive Prozesse zu Einheiten zusammenzufassen, hat die Entstehung unserer abendländischen Musik erst möglich gemacht, deren mehrstimmige Ausprägung der räumlichen Anordnung der Klangphänomene im Notenbild bedarf.

 

Wie man den Ausführungen A. Lurijas entnehmen kann, sind an der Bildung symbolischer Prozesse alle Sinne beteiligt, nicht nur das Auge mit seinen spezifischen Reizen. Ohne zusätzliche sensorische und akustische Reize, die mit den visuellen Reizen synthetisiert werden, hat das bloße visuelle Bild für den Menschen keine Bedeutung! Eine Tatsache, die Montessori durch ihre Beobachtungen kindlicher Verhaltensweisen ebenfalls festgestellt hat. Sie hat erkannt, daß das Kind erst eine Beziehung zur Umwelt aufbaut (d.h. seine Bedeutung erfaßt), wenn es tätig auf seine Umwelt einwirkt. Zum eintreffenden visuellen Reiz werden andere Reize hinzugeschaltet. Diese werden mit dem visuellen Reiz synthetisiert, die Bedeutung aller Reize werden zu einem inneren Bild zusammengefaßt.

 

Notenlernen und das Erfassen ihrer musikalischen Bedeutung hängt also stark ab von der Handlung, die dem Entschlüsseln des Notenbildes folgt.

 

Das Entschlüsseln wiederum und die darauffolgende Handlung, ist die Folge vorhergehender Handlungen, die das Erkennen von Bedeutungen und Beziehungen erst ermöglichen.

 

Die dritte funktionale Einheit des Gehirns hat die Aufgabe bewußte Tätigkeiten zu programmieren, zu steuern und zu kontrollieren. Die zuvor aus Sinnesreizen synthetisierten Informationen über die Umwelt werden nun Grundlage für den motorischen Plan, der aber in umgekehrter Reihenfolge arbeitet, nämlich von geringer zu hoher Spezifität. Eine genaue Analyse der Sinnesreize und deren Integration zu Bedeutungen, ist also die unabdingbare Vorraussetzung für eine präzise Planung und Ausführung einer Handlung, bei der nun unzählige Muskelzellen gemeinsam in Aktion treten. Jede für sich, aber in einem wohl abgestimmten Zusammenspiel. Die Gehirnregionen der dritten Einheit stehen dabei mit den Regionen der ersten Einheit in Verbindung, werden durch sie auf den angemessenen Tonus "geladen".


Geistige Aktivität ist somit ein Zustand, den es zu erhalten gilt, will man eine optimale Entwicklung des Instrumentalschülers erreichen. Somit erscheint mir die Aufspaltung komplexer Problemstellungen und Handlungen in Einzelbausteine, deren Schwierigkeitsgrade hierarchisch aufeinander aufbauen, wie Montessori es in ihrer Pädagogik beschreibt und vollzieht, als unverzichtbares Mittel im Instrumentalunterricht, um Motivation und Lernbereitschaft zu fördern und zu erhalten!

 

Noch ein letztes Zitat von A. Lurija: "Aber erst kürzlich haben psycho- physiologische Untersuchungen gezeigt, daß das unbewegte Auge tatsächlich keine geordnete Wahrnehmung komplexer Gegenstände zustande bringt, und daß die Wahrnehmung stets auf aktiven, suchenden und selektiven Augenbewegungen beruht. Diese Bewegungen erfahren erst allmählich im Laufe der Entwicklung gewisse Raffungen. Diese Tatsachenzeigen klar, daß die Wahrnehmung durch das gemeinsame Handeln der drei funktionellen Einheiten des Gehirns zustande kommt." (ebenda, S. 96)

 

Menschliche Aktivität setzt also Wachheit oder das Eintreffen von Reizen, die die Aufmerksamkeit des Menschen erregen und somit auf seinen Wachheitszustand einwirken, voraus. Erregt ein Reiz die Aufmerksamkeit des Menschen, so muß dieser Reiz eine unmittelbare oder mittelbare Bedeutung für ihn beinhalten. Der Mensch erkennt eine Ähnlichkeit zu bereits Erlebtem, erkennt eine Ordnung in der Beziehung zwischen ihm und dem Reiz. Je nach dem Inhalt dieser Bedeutung "bewegt er sich auf den Reiz zu", oder er "flieht" vor ihm. Der Mensch reagiert auf Erkanntes mit Aktivität!

 

Für den Instrumentalunterricht bedeutet dies, daß der Schüler eine möglichst gute, angenehme Beziehung zur Musik und zum Instrument haben sollte, die seine Aktivität auf die Beschäftigung mit der Musik richtet und nicht auf die "Flucht" davor! Einige grundsätzliche Regeln, die schon unmittelbar wirkende Anziehungskraft gehörter Musik jetzt auch auf das Instrumentalspiel zu übertragen, finden wir im übertragenen Sinne in den Leitmaximen der Pädagogik von Maria Montessori, die es im folgenden gilt, auf das Musiklernen zu übertragen.

 

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Die drei fundamentalen Einheiten des Gehirns nach A. Lurija.

grafik; Ronald Fischer

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