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Vorwort

Diese Untersuchung soll die Möglichkeiten der Verwendung der Pädagogik von Maria Montessori in Bezug auf die Vermittlung musiktheoretischer Inhalte im instrumentalen Anfangsunterricht aufzeigen. Um dies klärend zu behandeln werde ich im Verlauf dieser Arbeit zunächst die wichtigsten Aussagen der Montessori - Methode darstellen. Im folgenden werde ich die Arbeitsmaterialien und ihre Anwendung in der Praxis vorstellen. Wenn dann die Grundzüge der Montessori Methode und ihre Arbeitsmaterialien beschrieben worden sind, werde ich versuchen, die Grund annahmen Montessoris aus neuropsychologischer Sicht zu deuten und auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Ist dies geleistet werde ich untersuchen, ob die Grundzüge der Montessori - Pädagogik auf die Vermittlung musiktheoretischer Grundlagen im instrumentalen Anfangsunterricht übertragbar sind.


1. Hauptteil

1.1. Ursprünge der Montessori - Pädagogik

Die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori erwarb als erste Italienerin 1896 den medizinischen Doktorgrad und war von 1900 bis 1908 Professor in Rom. In dieser Zeit, am 6.1.1907, wurde ihre erste "Schule für geistig normale Kinder von drei bis sechs Jahren" eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Montessori Methode. Die Methode entwickelte sich aus dem Wissen der Ärztin Montessori und der täglichen Praxis, die sie in der neugegründeten Schule erwarb. Diese Schule bestand aus einem Raum in einem "Volkswohnhaus", dessen Bewohner aus nahmslos zu den niedrigsten Gesellschaftsschichten gehörten. Deren Kinder hatte Montessori in der Schule beisammenzuhalten, damit diese am Gebäude keinen Schaden anrichten konnten. Sie arbeitete mit Unterrichtsmaterialien, die normalerweise bei der Erziehung von geistig zurückgebliebenen Kindern verwendet wurden und erzielte damit erstaunliche Erfolge. Sie sammelte so Erfahrungen, auf die sich ihre Erziehungstheorie noch heute stützt. Aus der Eröffnung der ersten Schule ist dann im Laufe der Zeit eine weltweite Bewegung er wachsen.

 

1.2. Die Beobachtungen von Maria Montessori

1.2.1. Wiederholung der Übungen

Montessori beobachtete, wie viele Kinder bestimmte Übungen unzählig oft wiederholten, ohne das ein Fortschritt in Schnelligkeit und Genauigkeit der Ausführung zu erkennen war. Ungewöhnlich dabei war das hohe Maß der Konzentration der Kinder, die sich selbst von herumtobenden Kindern nicht stören ließen. Mit der Genauigkeit der Erklärung einer Übung in allen Einzelheiten der Ausführung wuchs die Motivation der Kinder, die Übungen unermüdlich zu wieder holen.

 

1.2.2. Das Prinzip der freien Wahl

Weiterhin fiel ihr das Bedürfnis der Kinder auf, sich Unterrichtsmaterial eigenständig auszuwählen. Dabei wurde deutlich, daß alle Kinder bestimmte Objekte sichtlich bevorzugten, anderen hingegen freiwillig keine Beachtung zollten. Sie schreibt in ihrem Buch "Kinder sind anders": "Mit der Zeit begriff ich dann, daß alles in der Umwelt des Kindes nicht nur Ordnung, sondern ein bestimmtes Maß haben muß, und daß Interesse und Konzentration in dem Grade wachsen, wie Verwirrendes und Überflüssiges ausgeschieden wird." So machte sie alle Unterrichtsmaterialien immer für alle Kinder zugänglich. ( ebenda, S. 127 )

1.2.3. Belohnung und Strafe

In diesem Zusammenhang stellte Montessori fest, daß die Kinder, die nun mit ihren Arbeiten beschäftigt waren, für Belohnungen wie auch für Strafen unempfänglich waren, sich sogar gleichgültig zeigten. Belohnung und Strafe waren fortan keine Erziehungsmittel der Montessori - Methode mehr.

1.2.4. Die Übung der Stille

Montessori entdeckte, daß die Kinder für Stille ganz besonders empfänglich waren, ebenso für leise Stimmen Erwachsener. Wenn sie die Kinder leise aus der Situation der Stille heraus rief, kamen diese auf den Zehenspitzen auf sie zu, und achteten darauf, nichts anzustoßen. Das Geräusch wurde als Fehlerindikator eingesetzt. "Die Wiederholung dieser Übung führt schließlich zu einer so feinen Beherrschung der Handlungen, wie sie durch rein äußerlichen Unterricht niemals erreicht werden konnte." (Montessori, "Kinder sind anders", S. 130)

 

1.2.5. Wurde und Gerechtigkeit

Ein weiterer wichtiger Punkt der Montessori Pädagogik ist die Feststellung, daß Kinder einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Würde besitzen und in ihrer Würde sehr leicht verletzt werden können. Laut Montessori bildet sich aus einer unmittelbaren und vollkommenen Anpassung der Kinder an ihre Umgebung ein Gefühl der Würde und der Anmut, das die Kinder ungehindert und in angemessener Weise auf Umweltreize reagieren läßt.

 

1.2.6. Disziplin

Auf der Basis aller dieser Punkte entwickelte sich bei den Kindern der Schule eine Art "natürlicher Disziplin", wie sie auf Beobachter der Schule eine besondere Anziehungskraft ausübte. Das feine Gleichgewicht zwischen Ordnung, Disziplin und Spontaneität macht wohl auch das Besondere dieser Erziehungsmethode aus. "In diesem ihrem engen Zusammenwirken führten Ordnung und Disziplin zur Freiheit." (ebenda, S.135)

 


1.3. Der Prozeß des kindlichen Lernens - der Aufbau der kindlichen Seele.

 

Die Einstellung Maria Montessoris zum Kind und dessen Entwicklung wird im folgenden Zitat deutlich: "Wie jede Keimzelle bereits den Bauplan des ganzen Organismus in sich trägt, ohne daß dieser irgendwie feststellbar wäre, so enthält jedes neugeborene Lebewesen, welcher Gattung auch immer es angehört, in sich den Bauplan jener psychischen Instinkte und Funktionen, die das Wesen instand setzen sollen, zur Außenwelt in Beziehung zu treten.( ) Sobald sich jedoch das neue Lebewesen gebildet hat, wird es zu einer Art Magazin geheimnisvoller Leittriebe, die dann zu Handlungen, Charakterzügen und Leistungen führen, also zu Einwirkungen auf die Umwelt und zu Reaktionen auf diese." (ebenda, Seite 26 ) Sie bezieht sich hiermit auf den Punkt der Bedürfnisse von Lebewesen allgemein, im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen dann speziell auf die Bedürfnisse menschlichen Lebens. Der Erforschung dieses Bauplanes gilt ihr Hauptinteresse. Sie stellt dar, daß nur das Kind selber zu enthüllen imstande ist, welches der natürliche Bauplan des Menschen ist.

Aufgrund dieser These stellte sie in ihrer Schule ihre Beobachtungen an, die zur Grundlage ihrer Methode wurden.

 

Laut Montessori finden alle Instinkte, die aus dem Bauplan des Menschen von innen nach außen wirken, ihren Ausdruck in der Bewegung. Sie erkannte, daß das Hauptinteresse der Kinder dem Erlernen, d.h. Nachahmen, von Bewegungsabläufen gilt. Aus der medizinischen Forschung wußte sie, daß der Mensch über einen "inneren Orientierungssinn" verfügt, den man heutzutage als "kinästhetischen Sinn" bezeichnet.

 

"Er besteht im Innewerden und in der Lokalisierung der körperlichen Funktionen, die bei dem Entstehen der Körperbewegungen zusammen wirken." (ebenda, Seite 66 )

 

Jede vernunft- und willensgemäß vorgenommene Einzelbewegung geht in das sogenannte Muskelgedächtnis über, von dem man heute weiß, daß es das am längsten andauernde Gedächtnis überhaupt ist. (vgl. F.Crick, "Was die Seele wirklich ist", Seite 94) So werden vom heranwachsenden Kind unzählige Einzelbewegungen gespeichert, die sich im späteren Verlauf seiner Entwicklung zu komplexen Bewegungsabläufen verschalten. (vgl. J. Ayres, "Bausteine der kindlichen Entwicklung") Für das Erlernen von Fähigkeiten ist es also nicht nur nötig, eine äußere Ordnung, welche die Beziehung zwischen den Bestandteilen der Umwelt betrifft, zu erkennen, sondern diese auch auf die Bewegungsabläufe zu beziehen, die die innere Ordnung ausmachen. Äußere und innere Ordnung müssen sich einander entsprechen, um einen ungehinderten Lernprozeß zu ermöglichen. Alle theoretischen Inhalte müssen also für das Kind in Handlung umsetzbar sein, soll das Kind eine wirkliche, aktive Beziehung zum Objekt der Betrachtung aufbauen!

 


Die Hand ist dabei, wie Montessori den Zusammenhang beschreibt, das "ausführende Werkzeug" der Intelligenz. Sie schreibt auf Seite 77 ihres Buches "Kinder sind anders": "Es ist unbedingt erforderlich, daß das Kind die Bilder, deren es habhaft geworden ist, in voller Klarheit bewahren kann, denn nur in solcher Klarheit vermag es Eindruck von Eindruck zu unterscheiden, und seine Intelligenz auszuformen."

 

Um längerfristiges Erinnern zu ermöglichen und um eine Beziehung zwischen betrachtetem Objekt und Betrachter aufzubauen, ist eine Umsetzung des Gesehenen in Handlung also unbedingt erforderlich! Die Erkenntnisse der Neuropsychologie der jüngeren Jahre stärken diese Aussage. Man weiß mittlerweile, daß das Erkennen von Gegenständen, also -die Deutung des visuellen Reizes, der auf die Netzhaut eintrifft, nur möglich ist, wenn das betrachtete Objekt zumindest eine Ähnlichkeit mit bereits früher Erkanntem aufweist! Ansonsten erregt dieser Gegenstand der Betrachtung keine Aufmerksamkeit beim Betrachter, eine Beschäftigung damit bleibt also aus. (siehe Kapitel 2 dieser Arbeit) Es stellt sich also so dar, daß das Erkennen, das Wissen um etwas, einer Beschäftigung damit vorangeht! Lernen vollzieht sich also in hierarchischen Schritten, deren Abfolge das lernende Subjekt selbst bestimmen muß. Werden Schritte ausgelassen oder beschleunigt, wird der Lernprozeß unnötig erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Das lernende Subjekt verliert die Aufmerksamkeit, also die Motivation, und somit ist es ausgeschlossen, daß der betrachtete Gegenstand als inneres Bild aufgenommen wird! Ein Lernerfolg ist nicht eingetreten, eine Befriedigung bleibt aus, der betrachtete Gegenstand ist weiterhin fremd und steht beziehungslos neben dem Menschen.

 

 

1.4. Die "Vorbereitete Umgebung"

 

Im vorigen Kapitel habe ich dargelegt, daß die Montessori - Pädagogik davon ausgeht, daß die Ordnung der Umwelt der inneren Ordnung des Kindes entsprechen soll. Die Umgebung des lernenden Kindes muß also auf seinen speziellen Erkenntnisstand abgestimmt sein. Das Arbeitsmaterial muß dementsprechend für das Kind "aufgeschlossen" sein, so daß es das Kind zu Handlungen anregt. Wichtig dabei ist, daß das Kind auf jeder Entwicklungsstufe ein Materialangebot vorfindet, aus dem es sich nach Interesse frei auswählen kann. Dabei ist schlecht aufbereitetes Lernmaterial für den angestrebten Lernprozeß ebenso hemmend wie ein Überangebot. Das Lernmaterial sollte sich also nur auf die zentralen Punkte bestimmter Lerninhalte beschränken. Daß die Lehrkraft bzw. der Erzieher mit dem Lernmaterial vertraut ist, versteht sich von selbst!

 

 


1.4.1. Das Sinnesmaterial

 

Barbara Esser und Christiane Wilde stellen die Eigenschaften des Sinnesmaterials in ihrem Buch "Montessori - Schulen" wie folgt dar: "Dieses Material wurde von Montessori so konstruiert, daß es einen Sinn anspricht." (ebenda, S.59) Es werden im folgenden Beispiele angeführt, wie z.B. mit Sandpapier verschiedener Körnung beklebte Holzbrettchen. Je zwei davon haben die gleiche Oberflächenstruktur und sollen einander bei geschlossenen Augen zugeordnet werden. Ansonsten sind alle Brettchen gleich groß und gleich schwer, so daß, bei geschlossenen Augen, ihr einziges Unterscheidungskriterium die Oberflächenstruktur ist. So ist in diesem Material eine einzige Schwierigkeit isoliert. Esser und Wilde führen weiter aus: "Die unterschiedlichen Erfahrungen, die das Kind im Laufe seiner Entwicklung bereits unbewußt gemacht hat, werden durch die Beschäftigung mit dem Material in Beziehung zueinander gesetzt, geordnet. Es lernt in unserem Beispiel die Eigenschaften rauh und glatt als allgemeine Eigenschaften von Gegenständen kennen. Montessori nennt ihr Material daher materialisierte Abstraktion." (ebenda, S.59) Die Beschäftigung mit diesem Material führt, laut Montessori, zu einer verbesserten Differenzierung der Umwelt. Bei sachgerechter Anwendung helfen die Lernmaterialien dem Kind, ein inneres Ordnungssystem zu entwickeln. Diese Sinnesmaterialien sollen eine erste Orientierungshilfe für das Kind sein, ihm fundamentale Erfahrungen verschaffen, die eine Basis für das Verstehen komplexer Strukturen bilden. Die Erfahrungen mit dem Sinnesmaterial stellen die Verbindung zwischen Kind und Umwelt her, indem es seine Aufmerksamkeit polarisiert, zu Handlungen anregt, die das Kind eine Beziehung mit dem Material eingehen lassen. Diese Beziehung wird dann mit weiteren Lernerfahrungen, die auf dieser aufbauen, vertieft. Die Wahrnehmung der Umwelt wird immer differenzierter. Dank dieser grundlegenden Erfahrungen und einer lückenlosen Aufarbeitung des folgenden Lernmaterials ist es dem Kind möglich, eine Beziehung zu abstrakteren Strukturen aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Jede Abstraktionsstufe ist nur eine weitere Verallgemeinerung vorangehen der Stufen, und somit e i n f a c h begreifbar. Innere und äußere Ordnung bleiben im Gleichgewicht.

 

Esser und Wilde stellen in ihrem Buch dar, daß diese didaktisch aufeinander bezogenen Materialien aufgrund ihres hierarchischen Charakters nicht beliebig einzusetzen sind. "Sie erfüllen ihren Sinn erst in Verbindung mit der "Vorbereiteten Umgebung" und einem entsprechend vorbereitetem Erzieher. Er allein kann in den Gebrauch einführen." (ebenda, S.81) Auch das Prinzip der freien Wahl und der Freiarbeit sind Vorbedingungen für das Funktionieren des didaktischen Materials.

1.4.2. Allgemeine Eigenschaften des didaktischen Materials (nach Esser und Wilde)

 

Grundlegend ist, daß es aufeinander bezogen ist und zum Teil systematisch aufeinander aufbaut. Jedes Material vermittelt einen einzigen Lernschritt und ist auf eine Schwierigkeit begrenzt. Jedes enthält eine direkte oder indirekte Fehlerkontrolle. Das Vorhandensein einer direkten Fehlerkontrolle besagt, daß die Aufgabenstellung nur vollständig lösbar ist, wenn das Kind alle Schritte richtig aus geführt hat. Eine indirekte Fehlerkontrolle dagegen sind z.B. die vorhandenen Kontrolltafeln, die sich das Kind nach der Arbeit holen kann, um sein Ergebnis zu überprüfen. Nicht seine (des Lehrers!) Erklärungen sind wichtig, sondern das Material spricht für sich. Mit zunehmendem Alter der Kinder, wenn komplexere Materialien eingeführt werden, können auch mehr sprachliche Erklärungen nötig sein. Sobald das Kind selber eine Handlung übernehmen will, läßt der Lehrer diese zu. (ebenda Seite 81 und 82)

 

 

1.4.3. Das mathematische Material ( das "Goldene Perlenmaterial")

 

Unser Tonsystem beruht auf der Annahme, daß die Zahl Ausdruck göttlicher Harmonie sei. So wurde unser Tonsystem von mittelalterlichen Musiktheoretikern, basierend auf Saitenlängenproportionen, die die Tonabstände mathematisch beschrieben, errechnet. Nicht nur die Tonhöhe der einzelnen Tonstufen wurde errechnet, auch die Qualifizierung der Tonabstände (Intervalle) wurde unter Zuhilfenahme der Zahlenverhältnisse vorgenommen. Aufgrund der Tatsache, daß unser Tonsystem auf den Verhältnissen der Zahl beruht, halte ich es für wichtig, an dieser Stelle den Aufbau des mathematischen Materials Montessoris beispielhaft darzustellen, um im weiteren Verlauf dieser Arbeit darauf zurückgreifen zu können, wenn es darum geht, das musikalische Material im Sinne Montessoris aufzuarbeiten.

 

"Ziel jeden Mathematikunterrichts ist das Rechnen mit abstrakten Größen. Daher führt eine Abfolge verschiedener Materialien das Kind vom Umgang mit konkreten Perlenmengen schrittweise zur Abstraktion." (Esser/Wilde, Seite 84 ) Da unser Zahlensystem ein Dezimalsystem ist, besteht das "Goldene Perlenmaterial", wie Montessori das mathematische Material auch nennt, aus Einern, Zehner -, Hunderter- und Tausendereinheiten .

Das Goldene Perlenmaterial

(ebenda, S. 85)


"Wie sein Name bereits verrät, besteht es aus kleinen goldfarbenen Glas- oder Plastikperlen. Es gibt Einzelperlen, die jeweils für die Menge eins stehen. Zehn Einzelperlen sind auf einem Draht zu einem Zehnerstäbchen verbunden, zehn Zehnerstäbchen bilden widerum ein Hunderterquadrat, zehn Hunderter einen Tausenderwürfel."
(ebenda, S.84 ) Durch die Verknüpfungen der Einzelperlen zu Übergruppen wird die räumliche Komponente der Zahl deutlich. Durch den Umgang mit diesem erfaßbaren Material, das befühlt, gewogen, verglichen werden kann, wird dem Kind diese räumliche Dimension auch ohne Lehrereinweisung deutlich. Dazu hat es klare Sinneseindrücke von den Proportionen der Kategorien untereinander.

 

 

1.4.4. Die Lernschritte mit dem mathematischen Material

 

Zuerst werden die vier Perlenkategorien vorgestellt und benannt. Einer, Zehner, Hunderter und Tausender. Die Begriffe werden durch die Beschäftigung mit den Perlen auch sinnlich erfaßt. Die Kategorien werden miteinander verglichen (z.B. 10 Einer = 1 Zehner ) Auf Bitten des Lehrers werden vom Kind bestimmte Perlenmengen auf einem Tablett geholt. Beim Abholen und beim Überreichen muß das Kind nun immer wieder dieselben Handgriffe machen, es spürt die Mächtigkeit der Kategorien, es lernt durch Bewegung! Dann lernen die Kinder das Tauschen der Perlen von einer Kategorie in die nächste. Auch ungeordnete Perlenhaufen werden nun gezählt. Dabei werden die Kategorien getrennt gezählt, wenn nötig wird getauscht.

"Aus einem Chaos Ordnung zu schaffen, den Perlenhaufen überschaubar und zählbar gemacht zu haben, das erfüllt die meisten Kinder mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit." (ebenda, Seite 86 ) Nun werden auch Kategorien aufgebrochen. Als Beispiel dafür nun diese Aufgabe: "Lege eine Perle von einem Zehnerstäbchen weg!" Ein Zehnerstäbchen muß nun in zehn Einerperlen eingetauscht werden, um die eine Perle wegnehmen zu können. Das Kind wechselt also die Kategorie. Bei schwierigeren Aufgaben kann es passieren, daß mehrmals getauscht werden muß. ( z.B. lOOO - 1 )

 

Da die Zahlennamen nun schon bekannt sind, soll das Kind jetzt lernen, Zahlen auch lesend zu erfassen und sie dann den entsprechenden Perlenmengen zuzuordnen. Zum Einführen der Ziffern benutzen die Montessori - Pädagogen Kartensätze. Auf jeder Karte sind die Ziffern farbig auf gedruckt, jede Kategorie erhält eine andere Farbe. Die Namen werden schrittweise eingeführt. Die geschriebenen Zahlen werden nun z.B. nach der Anzahl ihrer Nullen verglichen und dann nach Kategorien in folgender Weise ausgelegt;


bild 2

(ebenda. S. 87)

 

Im nächsten Schritt werden die Karten einzelnen Perlenmengen zugeordnet. So wird beim Zählen dem Kind klar, warum die "4" in der Zahl 6547 vierzig bedeutet, und nicht vier.

Jetzt werden Zahlenmengen addiert. Es gibt Aufgabenkarten, die die Lösung der Aufgabe auf der Rückseite enthalten, so daß die Kinder nach der Einführung durch den Lehrer auch alleine weiterarbeiten können. Zwei kleine Kartensätze für die Summanden und ein großer Kartensatz für das Ergebnis werden neben Karten mit Pluszeichen benötigt.

 

Die Aufgaben sind nach Schwierigkeitsgraden abgestuft. Anfangs sind die Aufgaben ohne Tauschen zu lösen, später muß auch getauscht werden oder es werden sogar mehrere Summanden addiert. Die Multiplikation wird vom Lehrer als verkürzte Form der Addition eingeführt, so daß die Kinder dank des Perlenmaterials auch die Aufgabenkarten der Multiplikation bewältigen können. Im Verlauf des Erlernens der Grundrechenarten werden die Perlen gegen Plättchen eingetauscht. Alle sind gleich groß, haben aber Aufdrucke, die ihre Wertigkeit angeben. Die farbliche Gestaltung des Aufdrucks entspricht natürlich der Gestaltung der Kartensätze. Mit diesen Plättchen wird nun gerechnet.

bild 3

Die Plättchen werden dann gegen einen Rechenrahmen eingetauscht.

grafik/bild_4.jpg

(ebenda, S.92f)

Erst jetzt, nach allen diesen Lernschritten, wird die Übertragung der bereits gelernten Rechenoperationen auf das Papier mit der Einführung des Punktespiels geleistet.

grafik/bild_5.jpg

(ebenda, S. 95)

Wieder sind die Kategorien farblich abgestuft, die Wertigkeit der Kategorien wird jetzt mit Punkten gekennzeichnet. Erster und zweiter Summand werden mit Hilfe von Punkten auf dem Arbeitsblatt eingetragen. Wenn nötig wird wieder getauscht, um dann das Ergebnis abzählen zu können. Erst dann wird dieses Ergebnis als Zahl auf dem Arbeitsblatt eingetragen. Die Abstraktion von einer gegenständlichen Perlen- oder Punktemenge zur geschriebenen Zahl ist der allerletzte Schritt in diesem "Materialkanon"!

 

Wie zu sehen war ist die Abfolge des Materials nicht beliebig. Die "Freie Wahl" ist durch die Ordnungsstruktur der Abfolge des Materials eingeschränkt. Nur so ist gewährleistet, daß auf jeder Lernstufe wirklich eine Schwierigkeit isoliert ist. Das lernende Kind wird nie in die Lage geraten, über- bzw. unterfordert zu sein. Eine ununterbrochene Kette von Erfolgserlebnissen zieht das Kind immer wieder zum Material und erhält seine Motivation!

 

 

1.4.5. Lesenlernen ohne Fibel

 

Da im instrumentalen Anfangsunterricht eine der zentralen Schwierigkeiten die Entschlüsselung des Notenbildes ist, gehe ich nun auch noch kurz auf den Prozeß des Lesenlernens ein.

 

"In der Montessorischule, in der das Kind nach seinen persönlichen Entwicklungsbedürfnissen und seinem Lern- und Arbeitstempo entsprechend lernen kann, läuft auch der Leselernprozeß individuell unterschiedlich ab. ( ) Lesenlernen ist ein komplexer Prozeß, dessen Ziel es ist, einen geschriebenen oder gedruckten Text entschlüsseln zu können. Leseerziehung beabsichtigt aber nicht nur, die grundlegende Fähigkeit des Entzifferns von Zeichen zu vermitteln, sondern darüber hinaus auch die Fähigkeit, sich Sinnzusammenhänge lesend zugänglich zu machen. Das bedeutet, daß Lesen keine reine Technik ist, sondern immer auf Sinnentnahme im Geschriebenen zielt. Für den Leselernprozeß folgt logischerweise, daß für ein Kind das, was es liest auch einen Sinn haben muß. "(Esser/Wilde, S.97)

 


Der Erstleseunterricht der Montessori Pädagogik will neben der Entzifferung von Zeichen und deren Inhalten auch die Lesemotivation stärken. Widerum soll die vorbereitete Umgebung Anreize geben, gerne zu lesen.

 

Das Lesenlernen beginnt mit dem Entziffern von Buchstaben. Dazu werden Buchstaben aus Sandpapier auf Bretter aufgeklebt, wobei Konsonanten ein rotes Brett und Vokale ein blaues Brett als Unterlage bekommen. Das Kind fährt den Buchstaben mit dem Finger nach und spricht dazu den Laut aus (nach einer Einführung durch den Lehrer selbstverständlich!). Dabei prägt es sich das optische Bild ein (visuelle Wahrnehmung), hört und formt den Laut (akustische Wahrnehmung und Zuordnung zur Motorik des Sprechapparates) und lernt gleichzeitig den Bewegungsablauf des Schreibens durch das Nachfahren des Buchstabens mit dem Finger! Visuell unterscheidet er unbewußt Konsonanten und Vokale durch die Farbigkeit der Brettchen. Später werden auch Umlaute und Doppellaute wie au, ei, ie, und sch gebildet. Trotz dieses vielschichtigen Lernerfolges bleibt die Arbeitsaufgabe einfach: Nachfahren und Sprechen!

 

Ist diese Stufe vollendet, kommen die Buchstabenkärtchen ins Spiel, aus denen Worte zusammengesetzt werden, auch wenn der kindlichen Motorik das Schreiben noch schwer fällt. In dieser Stufe lernt das Kind zwei Teilfertigkeiten des Lesens: Wortauf- und Wortabbau und die Lautanalyse.

 

Hierauf folgen die Lesekörbchen. Zwanzig Körbchen enthalten je fünf bis sieben Miniaturgegenstände und entsprechende Karten, auf denen die Namen der Gegenstände notiert sind. Zuerst sind dies nur lautgetreue Namen, die einfach zu lesen sind. Die Körbchen sind widerum nach Schwierigkeiten geordnet, so daß mit dem 20. Körbchen alle Buchstaben vorgekommen sind. Bei der Einführung der Lesekörbchen läßt der Lehrer das Kind die Miniaturgegenstände benennen, um die Begriffe zu klären. Dann schreibt der Lehrer die Begriffe auf Zettel und läßt das Kind die Zettel den Gegenständen zuordnen. "Das Kind erlebt so unterbewußt die kommunikative Funktion von Lesen und Schreiben. Jemand schreibt etwas auf, und man kann es in Handlung umsetzen. "(ebenda, S.101-102)

 

Die Fehlerkontrolle liegt in der Übereinstimmung der Karten und der Gegenstände.

 

Im weiteren folgen Leseheftchen, die widerum hierarchisch nach Schwierigkeit geordnet sind. Außerdem werden Gegenstände der Umgebung mit Kärtchen versehen und den Kindern werden kleine Aufträge durch die Übergabe kleiner Kärtchen erteilt. Ebenso werden grammatikalische Sachverhalte durch das Hinzufügen optischer Symbole zu bestimmten Wortarten besprochen. Nomen bekommen ein Dreieck zugeordnet, Verben einen Kreis usw. .


1.4.6. Zusammenfassung

 

Zusammenfassend kann man sagen, daß sowohl die vorbereitete Umwelt in der Schule als auch das aufbereitete Material zwei sehr wichtige Stützpfeiler der Montessori - Pädagogik sind. Dazu kommen, nicht minder wichtig, die Achtung der Persönlichkeit des Kindes durch den Lehrer, und das Prinzip der "Freien Wahl" der Arbeitsmaterialien durch das Kind. Das Kind und seine Eigenheiten stehen im Mittelpunkt dieser Pädagogik, die Lerninhalte werden maßgeschneidert zugeordnet. Die Aufgabe des Lehrers ist demnach, das Unterrichtsmaterial so für das Kind aufzuarbeiten daß das Erlernen von Fähigkeiten dem Kind fortlaufend Befriedigung verschafft! Ein entscheidender Punkt dieser Pädagogik ist der, daß jeder Lernschritt, jeder Lerninhalt in Bewegung umgesetzt wird, um es dem Schüler zu ermöglichen, eine Beziehung zum Lernstoff aufzubauen, ihn sich zu eigen zu machen. Dabei bestimmt das Maß der Beschäftigung mit dem Material das Kind ganz allein.

 

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